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Wertegerüst auf dem Prüfstand

Liebe Puchheimerinnen, liebe Puchheimer,

ich darf ein kleines Jubiläum feiern: Seit zehn Jahren bin ich jetzt in der Puchheimer Kommunalpolitik aktiv dabei. Am 9. November 2010 wurde ich von Altbürgermeister Dr. Kränzlein als Gemeinderat vereidigt und auf die Werte unseres Staates verpflichtet. So wahr mir Gott helfe. Dass mein Einstieg in die ehrenamtliche und später auch berufliche politische Arbeit auf den 9. November fiel, war zufällig. Dennoch dient mir dieser 9. November, der Schicksalstag der deutschen Geschichte, immer wieder als Orientierung, als Mahnung und als Zuspruch.

Dieser Gedenktag erinnert daran, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse radikal ändern können: sowohl in Richtung unermessliche menschenverachtende Diktatur als auch hin zu einer besseren Form des Zusammenlebens und Regiertwerdens. Umwälzungen entstehen freilich nicht über Nacht. Dafür sind auch nicht einzelne Köpfe alleine verantwortlich. Vorher braucht es das Bohren dicker Bretter. Wenn das Brett der Demokratie durch Meinungsmanipulation, durch Hetze, Überschreiten der sozial akzeptierten Regeln, durch Bedrohung, Rassismus und Gewalt beständig angegriffen wird, wird diese Stütze derart brüchig, dass sie das Wertegerüst einer auf Grundrechten gestützten Verfassung nicht mehr tragen kann. Die Pogromnacht am 9. November 1938 war der weithin sichtbare Beginn der Judenverfolgung und des Verlustes der Grundrechte aller. Es geht aber auch anders: Man kann sich Freiheit zurückerobern. Mit Mut, Risiko, mit Gleichgesinnten, mit friedlichen Mitteln, mit Ausdauer und der gesicherten Überzeugung, dass eine Gesellschaft Meinungsvielfalt, Toleranz und Menschenwürde, Demokratie, Freiheit und Grundrechte braucht. Das haben die vielen Menschen bewiesen, die am 9. November 1989 endlich die dicke Mauer des realen Sozialismus durchbrochen haben.

Damit man als Politiker nicht mit der Zeit als Fähnchen im Wind steht, sollte man für die verantwortliche und anstrengende Arbeit ein Wertegerüst mitbringen, das sich durch Respekt vor Meinungen anderer auszeichnet, das für die Begründung der eigenen Position auf ein demokratisches Fundament setzt, das mit Korrekturen und Kritik gut zurechtkommt. Mit dieser Einstellung bin ich vor zehn Jahren eingestiegen und den 9. November nehme ich als Anlass, mein Wertegerüst zu überprüfen. Der jährliche Rückblick legt dann regelmäßig offen, dass ich mich insbesondere bedanken kann für die vielen Anregungen und die wertvollen Erfahrungen, für das Engagement der Puchheimerinnen und Puchheimer und für den wertschätzenden Umgang miteinander. Auch für das Glück, in einer Demokratie mit Freiheit und Sicherheit zu leben. Ich bin überzeugt davon, dass wir dieses Glück nicht aus der Hand geben, auch wenn die jetzigen Zeiten schwierig genug sind.

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Seidl

Erster Bürgermeister

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