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Alte Bauhofmaschine in Kundus im Einsatz

Beim Wiedereinrichten des Stadtarchivs nach langwierigen Umbaumaßnahmen im Rathaus ist uns in einem Stapel Fotoblätter ein ungewöhnliches Motiv aufgefallen. Es handelt sich um eine vierteilige Farbfoto-Collage aus dem Jahr 2005. Aus verschiedenen Perspektiven zu sehen ist eine in die Jahre gekommene Baumaschine - ein Grader, auch Planierer oder Straßenhobel genannt - und eine Gruppe morgenländisch gekleideter Männer vor dem Gerät. Eine handgeschriebene Bildunterschrift schildert in knappen Worten den Sachverhalt: „Bei einem Baustellenbesuch im Mai 2005 in einsatzbereitem Zustand in Kundus (Afghanistan) vorgefunden. Mit besten Grüßen … [Unterschrift unleserlich].“

Rechts oben, neben der aufgeklebten Titelüberschrift „Afghanistan“, prangt das Firmenlogo „IBQ“. Es lässt darauf schließen, dass ein Mitarbeiter der „Ingenieurgesellschaft für Baustoffprüfung und Qualitätssicherung mbH“, niedergelassen in der Puchheimer Straße 13 in Gröbenzell, der damaligen Gemeinde Puchheim diese hochinteressante Fotocollage zukommen ließ. Auf den beiden Aufnahmen im Hochformat sind deutlich die Aufschrift „Gemeinde Puchheim“ und das Gemeindewappen zu erkennen. Die beiden Aufnahmen im Querformat zeigen das Umfeld, in dem die irgendwann vom Bauhof der Gemeinde Puchheim ausgemusterte Maschine nunmehr im Einsatz ist: eine weitläufige, von Kies und rotem Sand bedeckte Fläche, auf der wohl gerade neue Straßen angelegt und Plätze eingeebnet werden.

Die Gemeinde Puchheim wird die Straßenbaumaschine wohl im Zuge ihrer großen Kanal- und Straßenbaumaßnahmen in den 1960er-Jahren angeschafft haben. Auf dem hoch angelegten Vorbaurahmen zur lenkbaren Vorderachse hin ist die Aufschrift „Frisch“ zu erkennen. Die Eisenbauanstalt Gebrüder Frisch wurde 1902 von den Gebrüdern Heinrich und Nikodemus in Augsburg gegründet. Unter dem Namen „Augusta Straßenhobel“ entwickelte und verkaufte die Eisenwerk Gebrüder Frisch KG 1936 den ersten motorisierten Grader in Europa. Der Bauboom in den 1950er-Jahren brachte dem Unternehmen hohe Umsätze. Ab 1958 produzierten die Eisenwerke Frisch auch Radlader.  1977 wurde die Frisch GmbH durch die Faun-Werke übernommen.

Das Bau- und Anschaffungsjahr des  Puchheimer Graders ist nicht bekannt. Doch die robuste Bauart blieb über viele Jahre hinweg unverändert: Über der angetriebenen Tandem-Hinterachse befinden sich der Motor und das Führerhaus.  In der Fahrzeugmitte sitzt die drehbare, kippbare und seitlich verstellbare Schar, so dass auch geneigte Flächen bearbeitet werden können. Der lange Radstand sorgt für Laufruhe auf unebenem Gelände. Darüber hinaus ist der Grader mit einem Frontschild für Schubarbeiten bei Schüttgütern ausgerüstet. Vierzehn Jahre sind seit dem Entstehen dieser Aufnahmen ins Land gezogen, Krieg und Terror, Todesopfer in der afghanischen Zivilbevölkerung überschatten die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Kundus. Schön wär’s, wenn die alte Straßenbaumaschine aus Puchheim heute noch mithelfen dürfte, Wege zum Frieden zu ebnen.

Werner Dreher

Veröffentlicht im Februar 2020 

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